perfect location
CRIR-Gästewohnung in Mælkebøtten, Christiania.

(3) »Christiania Researcher in Residence (CRIR) bietet Aufenthaltsmöglichkeiten für Künstler und Wissenschaftler, die sich Christiania als Forschungsgebiet widmen.« http://crir.net

 

 

 

 

 

 

(4) »Et nyt eventyr. Hver dag.« ist der Werbeslogan für Tivolis Jahresticket.

Gleichzeitig waren wir Gäste des CRIR-Programms (3), das auf Initiative einer Handvoll von Aktivisten Wissenschaftler und Künstler nach Christiania bringt. Trotz der Aversion der Christianiten gegen die Verbindung mit staatlichen Fördermitteln und ihrer Ressentiments gegen Intellektuelle und Künstler, die den ohnehin knappen Wohnraum beanspruchen, erhielten wir das Privileg, als Christiania Researchers in Residence einen Monat lang in Christiania zu wohnen. Unsere Unterkunft lag abseits der betriebsamen Pusherstreet in Mælkebøtten. Ein Portal führte in die umschlossene Wohnanlage mit Rasenplatz in der Mitte und gehackten Holzscheiten an den Mauern. Die Wände des ebenerdigen Häuschens waren irgendwann einmal bemalt worden, aber inzwischen so efeubewachsen, dass das Licht innen grün und erdig wirkte. Wir trafen den niedrigen Raum frisch hergerichtet an: Auf den Holztisch gebreitet lag die rote Fahne Christianias mit drei gelben Punkten und in der handgetöpferten Vase steckten Trockenblumen. Die Göttin Shiva grüßte von einem Kunstdruck über dem Bett und von der Matratze auf dem zusammengezimmerten Holzgestell schauten wir durch lila Tücher ins Grüne. Das einfache Leben war hier zuhause zwischen den wenigen Holzmöbeln, dem Gasherd und dem eisernen Ofen. Toilette und Dusche teilten wir mit dem Nachbarn René, der malte und utopische Architekturentwürfe zeichnete. Mit einem Fuß standen wir im etablierten Kopenhagen und mit dem anderen im eingesessenen Aussteigertum. Auf dem Weg dazwischen lag Tivoli wie ein Versprechen: »Ein neues Abenteuer. Jeden Tag.« (4) Um das Versprechen einzulösen, erstanden wir Jahreskarten, besuchten den Park bei jedem Wetter und zu jeder Tageszeit, probierten als gewissenhafte researcher in residence fast alle Fahrgeschäfte (bis auf den Breakdance), zahllose Glücks- und Geschicklichkeitsbuden, plauderten mit ihren Betreibern, genossen Einblicke backstage und bekamen eine unvergessliche Audienz bei Tivolis CEO Lars Liebst.

Unsere zweimonatige Entdeckungsreise kann kaum mehr liefern, als eine subjektive Momentaufnahme. Mittlerweile präsentiert die Stadt neue prestigeträchtige Bauvorhaben. Christiania und Tivoli dagegen fallen einer Politik der »Normalisierung« und Standardisierung zum Opfer, die das Extreme assimiliert und die Rolle der Heterotopien verkennt. Nicht die Konservierung der »Zwischenwelten«, sondern ihre Radikalisierung scheint uns die Antwort auf die Entwicklung der Metropolen, die einander weltweit immer mehr gleichen.

PLACES OUTSIDE OF ALL PLACES (5)
Aus der Google-Earth-Perspektive heben sich Christiania und Tivoli kaum von ihrem Umfeld ab. Trotz ihres insulären Charakters entziehen sie sich weder auf einen Monte Verità noch in die Wüste, sondern liegen mittendrin und liefern Identifikationsformeln direkt vor die Haustür. Setzen wir die Außenwelt als Norm. Hier herrscht der geregelte Fluss des Verkehrs, moderate Ladenöffnungszeiten und skandinavische Nüchternheit. »Aufgeräumt« ist das Attribut, das sich aufdrängt. Die Saturierten wohnen in Frederiksberg und die Araber in Nørrebro. Die Aussteiger haben sich nach Christiania verzogen und das Vergnügen brummt in Tivoli. An sich ganz normal, wenn man an Little Italy, Chinatown, das Berliner Türkenviertel Kreuzberg oder das Lifestylequartier Mitte denkt. Während aber in anderen Metropolen ein bisschen Christiania überall ist und die Durchmischung sozialer Gruppen Ausdruck des urbanen Lebensgefühls, scheint die säuberliche Separation in Kopenhagen den Anpassungsdruck an ein vorherrschendes Lebensmodell zu fördern.

(5) Foucault unterscheidet zwischen unwirklichen Orten – Utopien – und Heterotopien, »wirkliche Orte, wirksame Orte, die in die Einrichtung der Gesellschaft hineingezeichnet sind, sozusagen Gegenplazierungen oder Widerlager, tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitige repräsentiert, bestritten und gewendet sind, gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden können.« Michel Foucault, Of Other Spaces (1967). Heterotopias.

 

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